Filmszenen I Theorie. Die Ware des Filmschauspielers. Star und Charakterdarsteller. Der Beruf des Filmschauspielers.von: ignazwrobel
Die Ware des Filmschauspielers. Die Ware des Schauspielers ist er selbst. Mit seinem Körper, seiner Mimik und Gestik, Stimme und Ausstrahlung stellt er eine Ware, ein Produkt her, welches, abstrakt betrachtet, zunächst völlig unverkäuflich scheint, in der Praxis jedoch einen so hohen Warenwert besitzt wie Drogen - Kokain, LSD oder Extasy. Die Ware des Filmschauspielers ist die Herstellung emotionaler Identifikation des Rezipienten mit dem von ihm, dem Darsteller, verbildlichten emotionalen Ablauf. Das Produkt, das er herstellt und verkauft, ist also: emotionale Identifikation. Authentizität ist ein Qualitätsmerkmal, ein Maßstab der Reinheit der Droge "emotionale Identifikation". Gelingt es einer Darstellung des Schauspielers, der emotionalen Überprüfung des Dargestellten durch das Unterbewußtsein des Rezipienten das Gütesiegel "wie in echt" aufzudrücken, dann entsteht die Ware "emotionale Identifikation". Das Unterbewußtsein des Zusehers zeichnet den emotionalen Ablauf der Darstellung mit. Gelingt nun dem Darsteller eine Aktivierung der Projektion im Rezipienten, entsteht die Ware des Filmschauspielers: emotionale Identifikation. Die Projektion ist die Münze, der Geldwert, den die Darstellung durch höchstmögliche Authentizität erzeugt. Dem Rezipienten wird ein emotionaler Ablauf mittels Story und Figur vorgeführt, der einen ganz ähnlichen emotionalen Ablauf aus der emotionalen Lebensgeschichte des Rezipienten aktiviert, durch den Vorgang der Projektion mit dem soeben erlebten emotionalen Ablauf, den der Darsteller vorführt, verknüpft, und so, je nach gezeigtem emotionalen Vorgang, Tausende von in der eigenen Vita gespeicherten emotionalen Zuständen ins Hier und Jetzt holt. Ergebnis: Wir erleben. Wir beobachten nicht mehr, wir erleben. Je feiner und genauer dem Filmschauspieler die Erweckung dieser Identifikation durch seine Arbeitsmittel, Körper, Mimik, Stimme, gelingt, desto teurer der Warenwert seines Produkts, desto reiner die von ihm hergestellte "Droge". Drogen aktivieren unsere emotionale Befindlichkeit, diese Aktivierung ist gewolltes Produkt des Filmschauspielers. Und umgekehrt: gelingt dem Filmschauspieler die Herstellung der emotionalen Identifikation nicht bruchlos über die Gesamtzeit des Filmes hinweg, wird seine Münze wertlos: die emotionale Identifikation reisst ab, der Zuschauer "steigt aus", er "geht nicht mehr mit" mit der Emotion der Figur, erwacht aus der Projektion und wird ärgerlich. Er nennt dann den Film oder den Schaupieler schlecht. Das Erwachen ist unverzeihlich. Wir trinken einen Martini oder sehen einen Liebesfilm. Beides aktiviert unsere Emotionen, beides drängt – auf verschiedenen Wegen – unsere intellektuelle Kontrolle zurück. Das erste durch Betäubung der Kontrollareale der vorderen Stirnhirnrinde, das zweite durch "Medierung". Traumfabrik heißen Filmstudios. Traumfabrik Hollywood. Während der Betrachtung eines Filmes befinden wir uns in einem traum- oder tranceähnlichen Zustand, die intellektuelle Kontrolle ist bewußt durch die Mittel des Filmes herabgesetzt, der Weg zu unseren Emotionen freier. Charakterdarsteller versus Star Gewollt ist die emotionale Identifikation des Zusehers mit den Filmfiguren. Häufig wird ein Filmschauspieler den Weg gehen, immer wieder ähnliche –erfolgreiche – Figuren aus kommerziellen Gründen zu wiederholen. Z.B. Bruce Willis mit Stirb langsam eins bis vier. Der Zuschauer erinnert die emotionale Identifikation, die ihm die Figur bot, das damit verbundene Wohlgefühl – und kauft erneut. Stirb langsam zwo. Auch drei und vier. Er wirft noch´n Trip von derselben bekannten Droge ein. Ungewolllt ist häufig, oder: fast immer die emotionale Identifikation der Rezipienten, des Kinopublikums, der Zuschauer nicht nur mit der dargestellten Figur – wer will denn nicht wie John McClane sein? – sondern über das Filmende hinaus mit dem Rollenträger. Die Eigenschaften der bekannten Filmfigur überträgt der Rezipient auf die Person, die aussieht, wie die Filmfigur. Bruce Willis ist John McClane, ob er will oder nicht. Denn die Privatperson ist unbekannt, hat keine eigenen Eigenschaften und deshalb auch kein eigenes Lebens-/Charakterprofil. A Star is born. Der Darsteller wird zur Ikone bestimmter emotionaler Zustände. Ikonen werden angebetet. Stars ebenfalls. Der Mensch, der der Filmschauspieler ja wie Du und ich jenseits seiner Arbeit ist, hat sich dem Zwang zu unterwerfen, als öffentliche Person zu agieren. Das ist ein Star. Jetzt darf er nur noch Rollen übernehmen, die uns die Möglichkeit zur emotionalen Identifikation anbieten. Wir, das Publikum, wollen das so. Das kaufen wir. Gütesiegel: emotionale Identifikation garantiert. Weicht der Star jedoch davon ab, will er Ware verkaufen, die keine Identifikation ermöglicht – sei die Filmfigur ein Langweiler, lächerlich, schwach oder unsympathisch oder engstirnig - bekommt er Kritiker- und Publikumsschelte. Diese Ware soll uns ein anderer verkaufen: Der Charakterdarsteller. Der hat´s einfacher. Ein Charakterdarsteller ist ein guter - auch ein sehr guter - Schauspieler, der unter anderem Figuren darstellt, denen wir die positive emotionale Identifikation verweigern dürfen: Bösewichte, Charakterschwächlinge, Tyrannen, Idioten - oder Helden, auch Helden, aber eben nicht nur. Charakterdarsteller sind so wichtig, wie die Stars. Aber freier. Sie können sich noch unbehelligt im öffentlichen Raum bewegen, ihre Namen sind häufig unbekannt. Film, emotionale Identifikation und Genre Eine Vorauswahl zu erwartender emotionaler Identifikationsabläufe trifft für uns die Kategorisierung in Genres. Grob wissen wir bereits durch die Genrezuordnung, welcher Art die emotionale Identifikation sein wird, die "wir uns reinziehen" werden und wollen. Horror, nervliche Anspannung, Lachen, Weinen, Traurigkeit oder Schadenfreude. Horrorfilm, Thriller, Kömödie, Drama, Slapstick-Comedy. Auch kommerziell erhöht das die Verkaufszielsicherheit der Hersteller. Der Beruf des Filmschauspielers. Der Theaterschauspieler setzt seine Mittel, Körper, Stimme so ein, dass er über eine Distanz von mehreren Metern und eine Rampe von einem Bühnenraum in einen Zuschauerraum Emotion transportiert. Der Text dominiert. Der Filmschauspieler spielt nicht. Er transportiert nichts über mehrere Meter hinweg. Er denkt, er fühlt. Er wird dabei beobachtet. Die Kamera ist ein Voyeur, ein Spion, der seine Gefühle und Gedanken ausspioniert. Das heißt, der Schauspieler muss diese Gefühle und Gedanken glaubwürdig und authentisch entstehen lassen. Dadurch, dass er sie im Moment der Darstellung in sich hat. Keine Trauer - keine Tränen. Er demonstriert die Emotion nicht erzählend, er verkörpert sie. Text ja, er erklärt den Grund der Emotion, der körperliche Ausdruck jedoch ist hier der Erzähler. Und der Anbieter der emotionalen Identifikation. Proben. Immer wieder. Sooft die Szene wiederholt wird: Eintauchen in den emotionalen Ablauf, dem die Figur unterliegt, ausagieren, ist das nicht Eigentherapie? Psychodrama? Der Schaupieler benutzt das innere Museum erlebter und im Moment der Darstellung reaktivierter eigener Emotion, aber er verwandelt sie. Die eigenen Emotionen dienen einem ausserhalb der Identität des Schauspielers liegenden Zweck: Talent, Können, Handwerk und Story verwandeln seine Gefühle in ein ausgereiftes und komplexes Kunstwerk: er erweckt eine Figur und ihr Schicksal zum Leben. Der Beruf des Filmschauspielers: furchtbar, anstrengend, fordernd, alles geben, alles herausholen, beobachten, nachdenken, formen, erfinden, in körperlichen Ausdruck umsetzen, auf Anforderung kreiren, auf die Sekunde genau. Jedes Ausweichen, jedes Nicht-Angehen schlägt auf die Authentizität der Darstellung, auf den Nuancenreichtum der Darstellung. Einer der schwersten Berufe, will mir scheinen. Quellen: Der Beitrag entstand durch Eindrücke aus folgenden Büchern: Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen Wie der Film Casablanca entstand; Karasek: Billy Wilder. Nahaufnahme; Chabrol: Wie man einen Film macht; Nachwort Conrad: Herz der Finsternis reclam; Schauspielerbekenntnisse: Beitrag Christian Berkel. Film: Beitrag auf arte tv: Ein Theaterstück entsteht; Wydra: Die Filme Volker Schlöndorffs. Beitrag Palmetto. intellectual property of ignazwrobel |