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Die HJ-Uniform Über ihren Großvater wusste sie nicht viel. Sie kannte den wuchtigen Mann mit dem eindrucksvollen Embonpoint eigentlich nur als Pensionär. Tagsüber saß er an seinem Tisch, las Zeitung, rauchte Zigarre, sah zum Fenster hinaus, trank sein Glas Weisswein. Mittags nahm er eine Portion jeder Größe zu sich, - auch wenn er dabei vor Anstrengung schwer atmete, in Schweiss geriet und sein Gesicht sich hochrot färbte. Sonntags fuhr die Familie ins Gasthaus, jeden Sonntag. Immer nach der Kirche. Im Gasthaus absolvierte der Großvater die Essensaufnahme in erstaunlich vergrößerten Maßstab. Er keuchte geradezu unter dieser großen Aufgabe. Aber: nie blieb auch nur eine Kartoffel auf dem Teller. Kriegsgeneration. Hungerwinter. Nie wieder. Essen war heilige Pflicht. Ihr Großvater war der schweigsamste Mensch, den sie kannte. Als sie noch sehr klein war, fuhr der Opa noch zur Arbeit. Mit dem Fahrrad. In schwarzer Le d erbekleidung, mit den blank polierten Goldknöpfen und einer großen Drahtrolle über der Schulter, an deren Ende das Rad des Kehrbesens befestigt war, beschwert durch eine Eisenkugel. Der Opa war Kaminkehrer. Bezirkskaminkehrermeister, um genau zu sein. Vierzig Jahre nach seinem Tod fragte sie seinen Sohn, ihren Vater, nach dem Leben des Großvaters. Was hatte er eigentlich in den Dreissigern und Vierzigern unter der H it le rdiktatur getan? Großvater war u.k. gestellt. Unabkömmlich vom Militärdienst freigestellt. Kaminkehrer kannten sich mit dem Löschen von Feuern aus. In den Vierzigern brannte es überall, das „Reich“ brannte. Neunzehnhundertvierundvierzig wurde ihr Vater zehn Jahre alt. Endlich alt genug, um auch mitmachen zu dürfen. Endlich auch dabeisein. Endlich Hi tle rjugend. Die Initiation: Braunhemd, Koppel, HJ-Armbinde, H it lerdolch: alles für den Endsieg. Auch dieser Junge im Schwäbischen Donauwörth bekam das alles, er freute sich natürlich. Jetzt war er einer von ihnen. Am Morgen des nächsten Tages war die Uniform verschwunden. Es gab auch keine neue. Nachts hatte der Großvater alles zusammengepackt. War damit zum Fluß gegangen. In weitem Bogen hatte er die Reichs-Hi tl er ju gend-Uniform in die schöne blaue Donau geschmissen. Der Sohn wagte nicht, zu fragen. Der Vater war Choleriker und stark wie ein Bulle. Die Antwort wäre umwerfend ausgefallen. So blieb´s dabei. Der Sohn lebt heute noch. |
c ignazwrobel 2009 |