Die Blauen Fenster. Sie sitzen beim Nachmittagskaffee. Ingrid geht auf die Achtzig zu. Das sieht man nicht, das hört man nicht. Ingrid wirkt viel jünger. Warum sie auf die Beinahe-Vergewaltigung von Ines, ihrer Enkelin, kamen.... Ines hat lange akut an diesem Trauma gelitten, leidet heute, als Erwachsene, als Mutter, noch immer darunter. Vieles ist für Ines viel schwerer, als für andere junge Mütter. Der Gast lenkt die Unterhaltung auf Neunzehnhundertfünfundvierzig. Ihr musstet doch auch fliehen. Im letzten Moment. Als die Russen kamen. Die Russen im Haus, das war eine Formulierung, die das Unaussprechbare vermied. Und doch meinte: Die Russen haben alle Frauen dieses Hauses vergewaltigt. Ingrid war noch jung. Damals wussten junge Mädchen noch nicht so genau Bescheid über diese Dinge. Ingrid wollte nicht weg aus ihrem Haus, aus ihrem Ort, nicht weg aus ihrer Heimat. Schlesien. Die Russen waren nur noch so weit weg wie Ulm von Augsburg. Flucht. Die Mutter drängte auf Flucht. Überall, sagt Ingrid, überall die blauen Fenster. Entweder ihr geht mit, sagte die Mutter, oder ich dreh´ den Gashahn auf. Das wollte Ingrid nicht. Sie wollte leben. Wenn nicht hier, dann eben irgendwo. Sie wollte die blauen Fenster nicht. - die überall in den Straßen leuchteten. Das Kochgas war blau gefärbt. Zur Sicherheit. Hinter jedem blauen Fenster tote Frauen. Die Russen waren so dicht, wie Ulm vor Augsburg. Fünfzig Jahre, genau fünfzig Jahre hat es gedauert, bis sich die Tür öffnete. Irgend jemand – halb überlistet im Gespräch – irgendwas erzählte.
Wenn der Krieg die Männer tötet, beschädigt er eine Generation eines Volkes. Wenn er die Frauen vergewaltigt, beschädigt er drei Generationen. Mindestens. Traumatisierte Frauen bekommen Kinder und die wieder Kinder und die Beschädigung wird weiter gereicht. In Wutausbrüchen, in Empathieunfähigkeit, in Grausamkeit, in unverständlicher Härte, .
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